Goethe und Alevitentum

26. August 2016 | Kategorie: Religion und Philosophie

Bericht von Mirko Ruks

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Es wäre ein in vielerlei Hinsicht interessantes Aufeinandertreffen gewesen: Der deutsche Dichter, Naturwissenschaftler und Politiker Johann Wolfgang von Goethe trifft auf den Philosophen und Mystiker Hadschi Bektasch (türk. Hacı Bektaş Veli) aus Anatolien. Goethe kennen wir. Bektasch gilt als Begründer des Alevitentums.

Am Donnerstag, dem 24.09., trafen sie im MIGRApolis-Haus der Vielfalt aufeinander: die Gedichte Goethes und die alevitische Philosophie. Ausgangspunkt der Veranstaltung war der sowohl bei Goethe als auch im Alevitentum zentrale Aspekt des Pantheismus.

In beide Bereiche wurde das Publikum vortragsartig eingeführt. Zunächst präsentierte Mika Wagner den alevitischen Glauben in seinen Grundzügen, indem sie ihm sich über relevante Begriffe wie Seele, Vernunft, Mensch, Toleranz oder Bescheidenheit annäherte. Besonders über die Aphorismen und Gleichnisse könne man sich dem Alevitentum und seiner philosophischen Idee gut nähern, da es keinen offiziellen Literaturkanon gebe. Anschließend folgte eine Einführung in das Leben, Schaffen und Lieben des J.W. Goethe durch Jutta Reimann-Poigné. So kenne man Goethe als Symbolfigur mit hoher Strahlkraft, dem wir nicht nur seine prosaischen und lyrischen Werke verdanken, sondern auch als Förderer der englischen Gärten, Politiker und kritischer Denker im Gedächtnis behalten sollten.

Verbindendes Element der Veranstaltung war die Naturverbundenheit, die man sowohl in den Werken Goethes als auch im Alevitentum finden könne. Besonders in den Briefen des Werthers, in denen er mit sehr lyrischer Sprache die Schönheit der Natur hervorhebt, ließen sich pantheistische Elemente finden. Nicht nur das, die Dialektik Mensch und Natur werde auch hinsichtlich der Zerstörungspotentiale thematisiert. Wer ihn querliest, findet ihn: Den kritischen Goethe, der gedanklich seiner Zeit weit vorauseilte und heute noch tagespolitische Relevanz besitzt.

Pantheismus und Alevitentum gehen ebenfalls einher. Nachdem das Publikum essenzielle Bestandteile des Glaubens kennengelernt hat, wie den Semah, einen rituellen Tanz der Aleviten, den Cem, eine Versammlung vergleichbar mit einem Gottesdienst, in dessen Rahmen der Semah „gedreht“ wird, oder die Saz, eine Langhalslaute, die beim Cem eine tragende Rolle einnimmt, durfte man den Klängen der Saz und alevitischer Lieder lauschen. Nach der späteren Erläuterung des Inhalts wurde schnell klar, wieso das Alevitentum und die Natur zusammengedacht werden muss. Der Mensch als Spiegel des Universums, die Seele als Spiegel des unendlichen Gottes – Gott, Mensch und Natur stehen in einem wechselseitigen und intensiven Verhältnis zueinander.

Auch das Publikum beteiligte sich durchaus engagiert und gewinnbringend. So wurde über die Ethikvorstellungen im Alevitentum philosophiert, die im Vergleich zu den fixiert niedergeschriebenen Moralvorstellungen der monotheistischen Religionen eher als eine mit sich selbst und den anderen ausgehandelte Handlungsnorm verstanden werde, weshalb sie sich leichter dem gesellschaftlichen Wandel anpassen könne. Der Cem wurde näher erläutert als durchaus emanzipatorisches Element: In der Zeremonie selbst werden Geschlecht und Status abgelegt, es träfen sich lediglich die Seelen.

Alles in allem war es für die Beteiligten eine sehr ertragreiche Veranstaltung, in deren Rahmen das Alevitentum, dessen Gemeinde mit rund 500.000 Mitgliedern in Deutschland vergleichsweise groß ist, den Zuschauern näher gebracht wurde. Die Brücke des Pantheismus und der Naturverbundenheit zu Goethe und seinen Werken war sehr gelungen. Jetzt fehlt nur noch eins: Es reicht nicht, nur zu erzählen, wie schützenswert die Natur ist. Man muss es auch tun.

(Hier veröffentlicht am 28.9.2015)

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