MAMA MUTIG – AUS EINEM LAND, IN DEM „FRAU“ EINE BESCHIMPFUNG IST

26. August 2016 | Kategorie: Bildung und Erziehung

Bericht von Katja Wörner

„Mama Mutig“ im MIGRApolis-Haus der Vielfalt, 23.09.2015

Mama Mutig, das steht für vieles. Für den Mut, den es braucht, um aus den traditionellen Strukturen, in die man hineingeboren wurde, auszubrechen, für das Selbstvertrauen, das gegen körperlich Überlegene aufbegehren lässt, für die Zuversicht und den Optimismus, ohne die ein Projekt wie „Umoja“ nicht gestemmt werden kann. Mama Mutig steht aber in erster Linie für eine Person: Rebecca Lolosoli.

„Umoja“ bedeutet Einheit und Gemeinschaft, und es handelt sich dabei um ein Dorfprojekt, in dem Frauen selbstständig und eigenverantwortlich leben können, aber auch Zuflucht finden vor der Gewalt, die sie durch Männer erfahren haben. Das ist deshalb eine Besonderheit, weil Umoja in Kenia liegt. Einem Land, in dem die Gleichberechtigung von Frauen noch einen langen Weg vor sich hat, vor allem bei vielen Indigenen, wie dem Stamm der Samburu, dem auch Lolosoli angehört. Sei es durch teilweise sexualisierte Gewalt durch Ehemänner, sei es durch Genitalverstümmelungen bei Mädchen, sei es durch Zwangsehen – in vielen der traditionellen Gesellschaften Kenias ist Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung.

Lolosoli wurde selbst Opfer solcher Praktiken und begann sich schon früh, gegen diese patriarchalen Muster zu wehren. Durch die Gründung eines Frauendorfes will sie jedoch nicht nur einen Schutzraum für Frauen schaffen, sondern auch Bildung für alle anbieten sowie Wege finden, in einer Umwelt wie der Steppe Kenias nachhaltig und erfolgreich zu überleben.  Sie engagiert sich seit nun mehr 25 Jahren für Menschenrechte auf lokaler und nationaler Ebene und wurde für ihren Aktivismus bereits mit verschiedenen Würdigungen bedacht, wie der Auszeichnung  als eine der „150 Frauen, die die Welt verändern“ des US-amerikanischen Newsweek-Magazins.

Eine Vortragsreise durch Deutschland hat Rebecca Lolosoli am Mittwoch, dem 23.09.2015, auch ins MIGRApolis-Haus der Vielfalt geführt. Die vom Frauennetzwerk für Frieden organisierte Veranstaltung füllte das MIGRApolis-Café mit Interessierten, die gekommen waren, um sich mit Rebecca Lolosoli und Jane Karato, einer weiteren Bewohnerin von Umoja, auszutauschen. Ise Stockums vom Freundeskreis Umoja e.V. führte ins Thema ein und las einige Passagen aus Lolosolis Buch „Mama Mutig – Wie ich das erste Frauendorf  Afrikas gründete“ vor. Das Publikum war angehalten, Fragen zum jeweiligen Themenkomplex zu stellen, was auch gerne angenommen wurde.

Zuerst wurden die Gründung und die Anfangszeit des Dorfes thematisiert, und Lolosoli sprach von persönlichen Erfahrungen, die den Impuls für das Projekt gaben. Danach kam sie auf die weibliche Genitalverstümmelung zu sprechen, die in weiten Teilen Afrikas praktiziert wird. Lolosoli sprach sich gegen diesen grausamen und lebensbedrohlichen Ritus aus und warnte davor, die weibliche Genitalverstümmelung durch den Vergleich mit der männlichen Beschneidung zu verharmlosen. Sie wies darauf hin, dass in Umoja keine Genitalverstümmelungen durchgeführt würden und dass auch in Nachbargemeinden Aufklärung in dieser Sache betrieben würde.

Anschließend wurde durch einen kurzen Film die Wasserproblematik in der Heimat Lolosolis beleuchtet. Aufgrund sehr kurzer und seltener Regenzeiten sowie der zunehmenden Vereinnahmung des vorhandenen Wassers durch die Agrarindustrie, die vor allem Rosen für den Export anbaut, steht die Bevölkerung dieser Gegend vor schwerwiegenden Problemen, die sich in den kommenden Jahren noch verschlimmern werden. Lolosoli und Stockum stellten verschiedene Möglichkeiten und deren finanzielle Rahmenbedingungen vor, wie mit dieser Herausforderung umgegangen werden könnte.

Außerdem wurde auf die Schule des Dorfes eingegangen, die mit Hilfe von Spenden aus Deutschland aufgebaut werden konnte. Lolosoli erläuterte, dass dies die beste Schule des gesamten Countys sei, nach welchen Kriterien die Lehrenden ausgesucht würden und das der Umgang zwischen den Lehrenden und den Kindern sehr freundlich sei und dass keine Gewalt ausgeübt würde.
Auf die Frage, wie sich das Dorf finanzieren würde, antwortete Lolosoli, dass sowohl der Verkauf des traditionellen, selbstgefertigten Schmucks, als auch die Vermietung des Campingplatzes an Reisende ein Stück Autonomie gewährleisten könnten. Trotzdem sind und bleiben Spenden ein wichtiger Teil der Finanzierung des Dorfes.

Rebecca Lolosoli gab Einblicke in ihr bewegtes, aber auch dramatisches Leben und zog alle Anwesenden in den Bann. Die Organisatorinnen vom Frauennetzwerk für Frieden und dem Freundeskreis Umoja e.V. sammelten zum Abschied Spenden, die ans Dorf Umoja weitergeleitet werden.

(Hier veröffentlicht am 25.9.2015)

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