Hermes – Dichterbote

11. Juli 2017 | Kategorie: Literatur

von Heike van den Bergh

Ich bin kein Gralshüter,

kein Duden-Lehrer,

der die heiligen, in Stein gemeißelten Regeln

von Metrik, Allegorie und Reim hütet

Nein, wie einst Moses,

steige ich vom Berge Olympos herab,

werfe die Steintafeln und Inschriften

der Altvorderen achtlos zur Seite
und berühre mit meinem Kirschblütenzweig

die Bäume – und die Blüten knospen auf

bringen ganz neue Düfte
ich streiche mit ihm

durch das hohe Wiesengras am Bach

und es ertönt eine fröhliche Melodie,

Schalmeienklang
ich tanze einen rückwärts- und vorwärtsdrehenden Reigen,

und langsam reichen mir Kinder, Rehe, Rebhühner,

Füchse, Faunen und Elfen die Hand
wir bilden eine Kette,

die klingt bei jedem zarten Schritt auf den Blumen

wie Äolsharfen
und der laue Wind weht uns

die Wolken hinzu,

die ihren Schäfchentanz wagen
die Fische und Kieselsteine murmeln im Bach

und der Sand am Ufer rieselt leise

die Sanduhr allen Seins hinab
unser sich drehender Schreittanz

begibt sich in den Bachlauf,

zuerst die Knöchel, der Saum der Kleider und Hosenbeine, benetzt,
dann schwillt der Bach zum breiten, aufgeregt hüpfenden Fluss an,

auf die Stromschnellen zu,

und auf dem Hosenboden,

sausen wir hinab in den Strom,

von einem weit entfernten Ufer zum anderen gespannt,

öffnet sich uns das Tor zu einer neuen Welt
wir spielen ihre Lieder auf unseren Trömmelchen, Flöten, Harfen, Grashalmen,

nie geht dort die Sonne unter – stets bleibt ein Silberstreif am Horizont

– Flügel der Morgenröte

Sommer-Haiku

Mondlicht hell auf Gras
Streichkonzert zu Mittsommer
Zikaden zirpen

 

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