Mesut Özil und der Zauberstab Integration

24. Juli 2018 | Kategorie: Politik und Geschichte
Kommentar von Hıdır Çelik 
Es ist Sommerloch, und die Medien brauchen Material, um die Zeit zu überbrücken, bis die Bundesliga wieder beginnt. Auch die Kanzlerin ist im Urlaub. Es herrscht Stillstand im Bundestag. Es gibt weniger Stoff für die Medien. Ein herrlicher Sommer für diejenigen, die kein Geld haben, um sich einen Urlaub im „siebzehnten Bundesland Mallorca“ leisten zu können, wenn auch die Türkei zurzeit etwas günstiger ist. Dennoch können sich die  Sozialleistungsbezieher (SGB II u.a.) auch so einen Urlaub außerhalb Deutschlands nicht gönnen.

Die letzten Tage sind heiß, über 30 Grad. Herr Seehofer und seine CSU freuen sich, dass deren Abschottungspolitik wegen Özils Äußerungen und seiner Rücktrittserklärung aus der deutschen Nationalmannschaft in den Hintergrund rückt. Die Angst, die anstehende Landtagswahl in Bayern zu verlieren, treibt die CSU und Seehofer dazu, eine Politik zu machen, welche die AfD noch stärker macht.

Nach langem Schweigen hat Mesut Özil mit seinen Äußerungen gegenüber Medien und Politik Argumente geliefert, welche die rechtsradikalen und türkisch nationalistischen Geier feiern können. Auch die türkische Regierung feiert mit. Die Äußerung des türkischen Justizministers Abdulhamit Gül nach Özils Rücktritt, dass er „das schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen hat“ zeigt, dass Rechtsradikale und Rechtspopulisten sowohl in Deutschland als auch in der Türkei davon profitieren.

Özil wird in der Türkei als Held gefeiert. Der türkische Sportminister Mehmet Kasapoğlu twitterte „Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen“.
Die türkischen Medien sind voll mit solchen Lobbotschaften an Özil, wie es auch rassistische Äußerungen gegen ihn in den deutschen Medien gibt.
Özils Abgang entfachte gleichzeitig wieder eine Debatte über Integration und seine Vorbildfunktion in der Gesellschaft. Fußballer wie Özil, Şahin, Gündoğan u.a. können eine Vorbildfunktion übernehmen, wenn sie sich für unsere Werte und Demokratie stark machen. Allein die fußballerische Leistung ist kein Maßstab für Integration in der Gesellschaft.
Sobald jemand wie Özil den Erfolg genießt und Millionen verdient, zieht er sich aus den Kreisen zurück, aus denen er kommt. Er braucht keine Integration mehr. Mit dem Geld, das er verdient, öffnet er alle Türen, die zu exklusiven Kreisen führen, wovon viele Jugendliche träumen, was aber dennoch eine Ausnahme bleibt.
Was aber auch „Integration“ sein könnte, ist eine Frage, die uns seit mehreren Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Eine von uns allen getragene Antwort werden wir auch nicht finden, denn jeder lebt Integration auf seine Art und Weise und versteht darunter was anderes als die anderen. Meine Mutter, die Ende der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen ist, lebt mit ihren 80 Jahren in ihrer Nachbarschaft mit Menschen aus vielen Kulturkreisen zusammen, ohne Vorbehalte, anders als jemand, der hier groß geworden ist.
Die Integration ist für einen geflüchteten zwanzigjährigen jungen Mann aus Syrien wiederum anders als für diejenigen, die hier aufgewachsen sind. Für ihn ist seine Teilhabe an der Gesellschaft wichtig. Er träumt davon, dass er einen Schulabschluss macht, den er durch den Krieg nicht zu Ende führen konnte, einen Ausbildungsplatz und danach einen sicheren Arbeitsplatz bekommt. Viele dieser Jugendlichen, die nach 2015 Zuflucht bei uns gesucht und gefunden haben, arbeiten daran, dass Deutschland für sie ein Zuhause wird. Dies ist eine Leistung, die vorbildlich ist. Wir sind verpflichtet, diesen Jugendlichen Möglichkeiten und Strukturen bereit zu stellen, damit sie ein Teil der Gesellschaft werden.
Die Jugendlichen türkischer Abstammung brauchen Vorbilder, die das Zusammenleben in Vielfalt gestalten. Ja, wir haben viele solche Jugendlichen mitten unter uns als Krankenpfleger, Ärzte, Geschäftsfrauen und -männer, als KommunalpolitikerInnen, Reinigungskräfte, FacharbeiterInnen und  und auch als Fußballer, nicht unbedingt in der Bundesliga, diesen müssen wir ein Forum bieten, damit sie sich für die Werte und unsere Demokratie stark machen und sich nicht von Diktatoren missbrauchen lassen.
Özils Kritik am DFB (Deutschen Fußball-Bund) ist zum Teil berechtigt, wenn man die Erfolge oder Misserfolge in den einzelnen Spielen mit der Herkunft einzelner Spieler begründet.
Die Führungsspitze des DFB muss offen und ehrlich eine Erklärung für die Niederlage bei  der Weltmeisterschaft geben, die einen Misserfolg der gesamten Mannschaft darstellt. Vor allem DFB-Präsident Reinhard Grindel, Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff sind gefragt.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan freut sich über die geführte Integrationsdebatte anlässlich von Özils Rücktritt. Erdoğans neueste Erklärung von heute (24.07.2018) auf eine Frage zu Özils Äußerungen lautet, dass er gestern Abend mit ihm gesprochen habe „Seine Haltung ist national und indigen. Ich küsse ihn auf die Augen.(…) Sie verdauen das Foto nicht…“
Wenn Jugendliche mit deutschem Pass noch immer zu dem Land ihren Eltern halten, sich selbst als Türken oder Marokkaner sehen, ist es ein Grund zu Sorge, den wir ernst nehmen sollen.
Diskriminierung und Rassismus in der Gesellschaft gegen Menschen aus anderen Kulturkreisen gibt den hier geborenen und großgewordenen Jugendlichen das Gefühl, sich zu ihren Vorfahren zu bekennen, obwohl sie auch in den Herkunftsländern ihrer Eltern ausgegrenzt und wie auch in der Türkei als „Deutschländer“ beschimpft werden, wenn sie nicht Multimillionäre wie Özil und Co. sind.
Es ist unsere Aufgabe, diese Jugendlichen davor zu schützen, dass sie von rechtsradikalen und nationalistischen Kreisen für ihre politische Zwecke missbraucht werden.
Eine Nationalmannschaft ist in Erfolg und Misserfolg, 2014 wie heute, Spiegelbild unserer Gesellschaft, so soll es auch bleiben. Auch unser Nachbar und Nachfolger als Fußballweltmeister, Frankreich, ist ein Vorbild dafür.

Kommentare sind geschlossen