Auf der richtigen Spur: Ein isländischer Roadtrip

23. Juli 2019 | Kategorie: Literatur

Rezension von  J. Michael Fischell

Alpan Sagsöz, in Deutschland geborener Sohn türkischer Einwanderer und in Bonn tätiger Rechtsanwalt, schreibt seit 2007 Geschichten vornehmlich mit interkulturellem Hintergrund. Sein erster Roman Die schwarze Katze von Konstantinopel erschien 2009, und insbesondere sein Jugendroman Türkei-Rallye (2012)  erreichte eine breite Leserschaft. Nun ist im November 2018 mit seinem vierten Roman „Island oder Wo die Götter Flipflops tragen“ eine weitere Geschichte einer ungewöhnlichen Reise erschienen. Alpan Sagsöz nimmt seine Leser*innen mit auf einen Roadtrip in das mystische Island, von der sich der junge Protagonist Medi eine Antwort auf seine Fragen über den Sinn des Lebens erhofft. Es ist eine Reise des Suchens und Findens, der Selbsterkenntnis, der Verortung und sich der Verantwortung stellen in der Familie und in der Welt.

Der junge Medi muss die Erfahrung machen, dass das Leben jederzeit außer Kontrolle geraten, Vertrautes und familiäre Sicherheit gefährdet sein kann. Mit einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht muss er die erhebliche Wesensveränderung seines Vaters miterleben, zusehen, wie der an einem Gehirntumor leidender Vater zwischen Leben und Tod driftet. Das war nicht unser Vater, vor dem ich da erstarrte. Zu all dem kommen noch die heftigen Familienkonflikte zwischen seiner Mutter und seiner Tante, die in einem erbitterten Kampf um den kranken Vater verstrickt sind. Und dann ist da noch Medis kleine Schwester Lisa, die, starr wie eine Porzellanpuppe, in dieser Situation vollends untergeht. Medi fühlt sich nutzlos, er sucht etwas woran er sich festhalten kann. Etwas, das das Leiden meines Vaters nicht sinnlos macht.

Ein Roman seines Freundes Flo und eine Reklame „Come to Iceland!“ erscheint Medi als ein Fingerzeig und eine Verheißung, er hofft nun, in Island wieder innere Balance, die richtige Frequenz und  Richtung aufzuspüren, einen Weg, um mit seinen Verlustängsten und Unsicherheiten umzugehen und vielleicht sogar für den Vater Hilfe zu finden. Er bucht Flugtickets für Island; mein Ziel hatte einen Namen: Keflavik.  Heimlich und auch mit Wehmut verlässt er seine Familie in der Nacht, berührte ein letztes Mal die Türklinke.

Die unaufdringliche Atmosphäre, die Kraft der Stille des Landes und die Gelassenheit der Menschen gefallen ihm; noch gibt es für ihn kein Danach. Angekommen im hohen Norden der Erdkugel, beginnt er mit Wanderungen auf Berge, Erkundungen zu Geysiren, grandiosen Wasserfällen und Höhlen in Island einzutauchen. Die isländischen Weiten wirken auf ihn heilend, tröstend und erhebend. Allerdings muss Medi bei einem gefahrvollen Aufstieg auf den Reykjaviker Berg Esja seine Grenzen erkennen; wie schnell der Mensch sich hilflos und zerbrechlich fühlen kann, was ihn an das Schicksal seines Vaters erinnert. Heute gesund, morgen ein Wrack im Bett. Aber auch eine neue, kleine Tür zu seiner Familie öffnete sich durch diese Erfahrung in ihm.

Medi macht sich auf den Weg, um mit Hilfe spiritueller, bewusstseinserweiternder Erfahrungen sein Leben wieder in die richtige Spur bringen, sucht einen unverstellten Blick auf sich und das Leiden seines Vaters zu gewinnen. Dabei scheut er nicht selbstkritisches In-sich-gehen, mit allen Sinnen ungewöhnliche und auch riskante Erfahrungspfade zu gehen.

So lernt er Clive, einen in Island lebenden  Deutschen, kennen, der Ayahuasca-Kurse durchführt. Ayahuasca ist ein in  südamerikanische Tradition zeremoniell zubereitetes Getränk, das, so Clive, hilft, unter Anleitung außergewöhnliche Erfahrungen und die Schranken der Wahrnehmung zu durchbrechen. Clive betrachtet Ayahuasca als einen von vielen Wegen, um sich selbst näherzukommen. Aber immer komme es auf die eigene Suche an, es gibt keine Abkürzung.

In Träumen und traumähnlichen Sequenzen kommuniziert er ohne Scheu,  insbesondere mit Jesus (Rechts neben mir saß jemand in gelben Flipflops mit einer kleinen brasilianischen Flagge am Riemen, in einer weiten Leinenhose und einem weißen ärmellosen T-Shirt…), aber auch Mohammed, Buddha und Samson tauschen mit ihm Botschaften aus. Sie stellen den   (symbolischen) Referenzrahmen dar, über den Medi Einsichten und Antworten über seinen persönlichen Weg gewinnt. Er ist bereit, loszuziehen, seine eigene Höhle zu erkennen und zu erobern. Ich hatte gar nicht gewusst, wie groß und verzweigt meine Seele war.

In Island erfährt Medi eine innere Wandlung, wenn man so will eine Neugeburt, vieles wird nicht mehr so sein zuvor. Er begreift jetzt, dass es eine Zeit der Trauer und des Leidens gibt, vor der er sich nicht verstecken kann, sondern die in „Selbstarbeit“ zur Einsicht und Entwicklung der Seele führen sollte. Er wird Pfade aufspüren, die ihn zurück ins Leben geleiten werden, Wege, um seinen Vater aus der Eisstarre, von  unsichtbaren Mauern zu befreien. Er wird an sich arbeiten, denn ihm ist klar geworden: In mir schlummert eine ungeahnte Kraft.

Alpan Sagsöz ist es erneut gelungen, einen Roman zu schreiben, der in Sprache und Inhalt (nicht nur) junge Menschen anspricht. Gerade die Zeit des Übergangs von der Jugend- in die Erwachsenwelt ist für junge Menschen eine kritische Passage, es tun sich verstärkt Fragen der eigenen Identität auf. Das umso mehr, wenn in dieser Jugendphase auch noch Erlebnisse von Trauer und (drohender) Verlust von wichtigen Bezugspersonen hinzutreten. Alpan Sagsöz vermag es durch eine empathische, aber auch unkonventionelle Sprache, Herz und Verstand (nicht nur junger Menschen) anzusprechen. In diesem besten Sinne ist er, was heute so sehr benötigt wird, ein orientierungsrelevanter Anderer.

J. Michael Fischell (Dipl. Soz.Wiss.), Bonn, im Juli 2019

Island_Sagsöz

Alpan Sagsöz
Island oder Wo die Götter Flipflops tragen
Roman
ISBN 978-3-944359-38-0

Oder als E-Book
ISBN 978-3-944-359-43-4
Erschienen am 20.11.2018
Bei schruf& stipetic GbR, Berlin 2018

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