Literatur

Eine literarische Begegnung mit Identität, Erinnerung und Migration

Neues Buch von Hıdır Eren Çelik

Mit meinem Buch „Ilyas’ Reise nach Dersim“ öffne ich einen literarischen Raum, in dem Fragen von Herkunft, Identität und kulturellem Gedächtnis neu verhandelt werden können. In unserer Migrationsgesellschaft erleben viele Familien ähnliche Spannungen: Die Erinnerungen der ersten und zweiten Generation stehen oft im Kontrast zu den Lebensrealitäten der Nachgeborenen.

Die Geschichte ist in einem realen historischen Kontext verankert. Sie erzählt von der Migration aus Dersim und verknüpft diese mit den Erinnerungen der ersten Generation – Erinnerungen, die für Kinder und Enkelkinder heute häufig nur noch fragmentarisch zugänglich sind. Genau in dieser Bruchstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart entfaltet sich die Erzählung.

Im Zentrum steht Ilyas. Seine Reise nach Dersim ist mehr als eine geografische Bewegung – sie ist eine Annäherung an die eigene Familiengeschichte, ein tastendes Suchen nach Zugehörigkeit. Besonders eindrücklich verdichtet sich dieses Suchen in der Begegnung mit seiner Großmutter.

In ihren Gesprächen öffnet sich Schritt für Schritt ein Zugang zur Vergangenheit: zur Geschichte der Familie, aber auch zu den spirituellen Traditionen der Region. Der Hızır-Glaube und die spirituelle Lehre von Rêya Xaq werden dabei zu zentralen Bezugspunkten. Für viele Leserinnen und Leser in Deutschland ist dies eine erste Begegnung mit einer religiösen Tradition, die im öffentlichen Diskurs kaum sichtbar ist, für die kulturelle Identität vieler Menschen aus Dersim jedoch von großer Bedeutung bleibt.

Mit diesem Buch verbinde ich meine persönliche Familiengeschichte mit einem kollektiven kulturellen und religiösen Gedächtnis. Besonders am Herzen liegt mir der Dialog zwischen den Generationen. Denn nur im Austausch können Erfahrungen, Werte und Traditionen verstanden, weitergegeben und neu interpretiert werden.

Ich wollte eine Geschichte schreiben, die junge Menschen ebenso erreicht wie Leserinnen und Leser, die sich für Fragen von Migration und kultureller Identität interessieren. Gleichzeitig richtet sich das Buch an Eltern, die ihre Kinder zwischen mehreren kulturellen Welten begleiten und nach Wegen suchen, Erinnerungen, Traditionen und auch eine bedrohte Sprache wie Kırmancki (Zazaki) lebendig zu halten.Der Erhalt dieser Sprache ist mehr als ein kulturelles Anliegen – er ist ein Beitrag zum Schutz von Identität. Literatur kann in diesem Zusammenhang Brücken bauen: zwischen Generationen, zwischen Kulturen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie schafft Räume der Begegnung und eröffnet neue Perspektiven auf gesellschaftliche Vielfalt.

So verstehe ich „Ilyas’ Reise nach Dersim“ nicht nur als persönliche Erzählung, sondern auch als Einladung zum interkulturellen Dialog. Dass ich das Buch auf Deutsch geschrieben habe, ist eine bewusste Entscheidung: Ich möchte jene Generationen erreichen, die in Deutschland aufgewachsen sind und sich oft in der deutschen Sprache sicherer bewegen als in der Herkunftssprache ihrer Eltern.

Hıdır Eren Çelik, „Ilyas’ Reise nach Dersim“

ISBN: 978-3-945177-96-9: Softcover, 48 Seiten, 1. Auflage, Preis 7,50 €

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