Literatur

4 Tage – Ein literarisches Kunstwerk von Mona Yahia

Rezension von Songül Kaya

Der neue Roman von Mona Yahia „Vier Tage“ spielt zwar in einem bestimmten Zeitraum (erzählte Zeit: von 1918 bis 1992), berichtet aber über die 100-jährige Geschichte einer jüdischen Familie, die sich in verschiedenen muslimischen Gesellschaften und Sprachen immer wieder neu orientieren muss. Als nahöstliche Tetralogie beschäftigt sich das Narrativ mit der Innenperspektive der Familie und deckt dabei die komplexen Hintergründe der familiären Konflikte auf. Wie historische bzw. politische Ereignisse im Orient das Schicksal der nichtmuslimischen Menschen prägten und prägen, erfährt man durch die einzelnen Perspektiven der vier Hauptfiguren aus vier Generationen der Familie.

Die wohlhabende jüdische Familie fühlt sich nach jedem Machtwechsel der orientalischen Herrschaften besonders verängstigt, bedroht und ausgenutzt. Durch die allgemein politisch strukturierte Abwertung und Verachtung der nichtmuslimischen Bevölkerung entwickelt die Familie über Generationen hinweg ein gewisses Geschick, um zu überleben, indem sie versucht, sich in vorteilhaften Beziehungen zu positionieren. Doch diese vorteilhaften Beziehungen zu den wichtigsten hochrangigen Personen bleiben nicht immer stabil. In Krisensituationen können diese Beziehungen auch gefährlich werden. Trotzdem wird diese Umgangsform bewusst oder unbewusst auf nachwachsende Generationen übertragen. Ein konkretes Beispiel dafür zeigt sich in den ersten und letzten Kapiteln des Romans im Fall Khalil Bey, der als Gouverneur in Urfa und später in Mossul mit dem Hauptprotagonisten Hayim befreundet war.

Nähe und Distanz
Der allwissende Erzähler des Romans fokussiert sich in jedem Kapitel auf einen Protagonisten und versucht – mit seiner humorvollen und intelligenten Erzählweise – möglichst neutral zu bleiben, während er zwischenmenschliche Konflikte in der Familie vermittelt. Dabei werden intensive Gefühle, Gedanken und sogar Träume der einzelnen Protagonisten nah an der Realität beschrieben und dargestellt, obwohl diese logischerweise zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt sind. In dem ersten Kapitel zum Beispiel beschäftigt sich der Erzähler mit Hayim, welcher sich im Jahr 1918 wegen der politischen Niederlage des Osmanischen Reiches umstellen muss. Hier handelt es sich um die Erzählmotive eines historischen Romans. Im vierten und letzten Kapitel lernen wir Nemir kennen, den einzigen Enkelsohn von Hayim. Im Gegensatz zu seinem Großvater lebt Nemir in einer europäischen Stadt (London) und reist im Jahr 1992 aus dienstlichen Gründen nach Istanbul. In diesem Kapitel sind keine historischen Motive festzustellen, sondern es sind mehrere Überraschungseffekte zu entdecken, die in einem Kriminalroman vorkommen können. Nemirs Geschichte bietet dem Leser zwei verschiedene Perspektiven desselben Protagonisten:
a) Kinderperspektive: Nemir als Kind in Istanbul (1946)
b) Perspektive eines erwachsenen Mannes: Nemir als Geschäftsmann in Istanbul (1992).

Die Handlungen, die in diesem Kapitel vorkommen, werden durch die obengenannten zwei Perspektiven und in wechselnden Zeitsprüngen meisterhaft in den Roman integriert. Auch die wichtigsten familiären Geheimnisse und die damit verbundenen Konflikte in der Familie erscheinen auf der Textoberfläche.

Ein weiteres Beispiel für eine wechselnde Erzählperspektive zeigt sich in dem zwiespältigen Verhältnis zwischen Rebekka (Großmutter) und Leila (Enkelin) im dritten Kapitel des Romans.

Hayims rebellische Urenkelin:
Leila vertritt die vierte und jüngste Generation der Familie. Sie scheint unberechenbar, eigenwillig und rebellisch zu sein. Obwohl ihre in London lebenden Eltern sich dagegenstellen, entscheidet sie sich im Jahr 1973 freiwillig für den Militärdienst in Sinai. Ihre Großmutter Rebekka lebt in Tel Aviv. Die beiden haben ein ambivalentes Verhältnis zueinander, das häufig zwischen Nähe und Distanz pendelt. An einer Stelle versucht Leila zum Beispiel, nach einem Telefongespräch mit Rebekka ihre gemischten negativen Gefühle zu sortieren. Auf einer Schaukel spricht sie in Gedanken mit ihrer Großmutter:
„Was weißt du eigentlich tatsächlich von deinem Sohn? Er war gerade mal sieben, als du ihn verlassen hast. Erinnerst du dich? An seiner Erziehung hast du dich nicht beteiligt. Seine Jugend hast du verpasst. Bei seiner Bar Mitzwa warst du nicht dabei. Bei seinem Schulabschluss nicht. Auch nicht bei seiner Hochzeit. Auf deine Abwesenheit konnten sich alle verlassen. Wie kommst du nur dazu, eine so starke Bindung anzunehmen und zu denken, er könnte dir seine Tochter als Ersatz schicken? Als Geschenk? Deine Worte bleiben hohl. Du weißt nicht das Geringste von deinem Sohn, und in Wahrheit interessiert er dich auch kaum. Vor vierzig Jahren nicht und heute auch nicht. Dein Herz ist aus Plastik, Rebekka…“
Beim sanften Hin- und Herschaukeln wurmen sich Rebekkas Worte aufs Neue. Wie naiv von ihr, zu glauben, ihre Beziehung zu ihrer Großmutter könnte das dichte Geflecht aus Groll und Schuld umgehen, das über Jahrzehnte zwischen ihrem Vater und Rebekka gewachsen ist.

Hier setzt sich die Protagonistin mit unausgesprochenen Konflikten der Familie auseinander. Der Erzähler unterstützt sie bei ihren Vorwürfen und reflektiert mit. Die rebellische Enkelin passt sich an die angespannte familiäre Tradition weiter an und stellt ihre offenen Fragen über Tabus nicht gegenüber ihrer Großmutter. Die Großmutter, die sich wahrscheinlich nach einer harmonischen Mutter-Kind-Beziehung mit ihrem Sohn sehnt und vielleicht deswegen die Tatsachen nicht richtig realisieren kann, bleibt nach wie vor in ihrer Wunschvorstellung gefangen. Was ihr Sohn bzw. Leilas Vater über seine Mutter Rebekka denkt, erfährt der Leser im vierten Kapitel.
Hayims Enkel, der nach der Wahrheit sucht:

Nemir ist der Sohn von Rebekka und der Vater von Leila. Seine Kindheit und Jugend verbringt er bei seinem Vater und seiner Tante (mütterlicherseits) in Bagdad. Im Jahr 1946 reist er zum ersten Mal als Kind mit seiner Tante Serafiné nach Istanbul, um dort seine Mutter Rebekka wiederzusehen. Bevor dieses arrangierte Treffen mit der Mutter stattfindet, lernt er einen alten „Freund“ seines Großvaters kennen: Khalil Bey. Während seine Tante Serafiné sich mit dem alten Onkel auf Türkisch unterhält und amüsiert, denkt der stets vernünftige und anständige Junge Nemir an seine Mutter Rebekka.

„Nemir versuchte, sich die vor ihm liegenden zwei Wochen mit seiner Mutter vorzustellen. Wie sollte er sie nennen? Mama klang nicht natürlich, auch wenn sie in Wahrheit seine Mutter war. Auch wenn er all seine Briefe mit „Liebe Mama“ begann. Doch es hinzuschreiben, war etwas anderes als es ihr ins Gesicht zu sagen. Musste er mit ihr das Zimmer teilen? Die Frage hatte er mit Serafiné noch nicht besprochen – und er traute sich nicht zuzugeben, dass er lieber bei ihr blieb, anstatt zu seiner Mutter zu ziehen.

Die erste Istanbul-Reise mit Tante Serafiné baut die Mutter-Kind-Beziehung nicht wieder auf, wie es geplant war. Denn das Wiedersehen mit Rebekka bleibt im Schatten des alten „Freundes“ des Großvaters. Aus diesem Grund trägt Nemir traumatische Erinnerungen an seine erste Istanbul-Reise in sich, die bei seiner zweiten Istanbul-Reise durch ein altes Foto wieder ausgelöst werden. Als Kind verliert er auf einmal zwei Frauen: seine Mutter Rebekka und seine Tante Serafiné, die für seine persönliche Entwicklung von großer Bedeutung sind. Keiner erklärt ihm später die Wahrheit, warum und wohin Serafiné verschwunden ist sowie warum Rebekka in Tel Aviv lebt. Nach der ersten Istanbul-Reise lebt Nemir weiter in einem stabilen familiären Umfeld bei seinem Vater, ohne mütterliche Liebe zu genießen.
Hayims vernünftige Tochter: radikal oder verletzt?

Rebekka, die sich immer für den familiären Zusammenhalt verantwortlich fühlt, entscheidet sich plötzlich, nach Tel Aviv zu ziehen, und sie versucht dort, ganz allein unter schlechten Umständen und mit Schwierigkeiten ein neues Leben aufzubauen. Als eine junge Mutter lässt sie ihren kleinen Sohn bei ihrem Ehemann zurück, um seine Affäre zu verkraften. Ihre Entscheidung wird weder von ihrer eigenen Kernfamilie noch von ihrem Ehemann akzeptiert, weil beide Seiten von ihr „ein vernünftiges Verhalten für den Zusammenhalt der Familie“ erwarten. In diesem Sinne wird ihre Entschlossenheit teilweise bestraft, indem sie als eine radikale Nationalistin abgestempelt und entfremdet wird. Trotz Rebekkas fester Entscheidung, sich von der Familie fernzuhalten, besucht Serafiné ihre Schwester in Tel Aviv. In diesem Kapitel erkennt man deutlich Rebekkas Selbstlosigkeit in ihrem fürsorglichen Verhältnis zu ihrer Schwester Serafiné.

Im Gegensatz zu Rebekka versucht Serafiné, immer und überall im Mittelpunkt zu stehen. Mit dieser Art führt sie auch schon als Kind ihre Familie in Gefahr (!) und verursacht dabei weitere große Probleme, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Bestimmte Probleme werden in der Familie weder ausgesprochen noch ausdiskutiert. In einer Textstelle erinnert sich Rebekka an ihren geliebten Vater Hayim, ohne zu wissen, dass sich hinter einer seiner wichtigsten Entscheidungen eine schreckliche Geschichte verbirgt, die mit der damals siebenjährigen Serafiné zu tun hat.

„Aus Gründen, die Rebekka bis heute nicht versteht, war die Familie nach dem Krieg nicht zusammen mit der osmanischen Verwaltung nach Istanbul zurückgekehrt. Alles war bereits gepackt, soweit erinnerte sie sich noch; doch dann hatten die Eltern aus irgendeinem Grund ihre Meinung geändert und waren in Mossul geblieben. Trotz der ständigen bitten ihrer Mutter, in deren Heimatstadt Damaskus zurückzukehren, zögerte ihr Vater und schob die Entscheidung auf. Vielleicht hatte er den Gedanken an Istanbul noch nicht ganz aufgegeben, vielleicht stand ihm der Sinn nicht mehr nach einem weiteren Umzug…“

Der Erzähler verbindet durch ein familiäres Geheimnis, das mit der obenzitierten Textstelle unmittelbar zusammenhängt, die ersten und letzten Kapitel des Romans miteinander.

Das kurze Leben eines Arztes: wie auf Eierschalen laufen
Hayim, der Hauptprotagonist des ersten Kapitels, ist ein angesehener jüdischer Arzt und stirbt unerwartet relativ jung. Sein ganzes Leben unter verschiedenen muslimischen Herrschaften ist insgesamt, wie auf Eierschalen laufen. Als ein privilegierter Arzt wird Hayim im Jahr 1915 in Urfa von Khalil Bey gezwungen, seine Profession zu missbrauchen, indem er falsche Totenscheine für zwei ermordete Armenier erstellen muss. Dabei ist er doch ein Freund von Armeniern und Zeitzeuge des Völkermordes an den Armeniern, der unter der Leitung der Jungtürken stattfand. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Jahr 1918 wird Hayim erneut gezwungen, britische Gefangene zu vergiften. Diesen Befehl verweigert er mit einem klaren Satz:
„Er sei Arzt, antwortete Hayim kurz angebunden, kein Henker.“

Hayims jüdisches Leben im ehemaligen Osmanischen Reich wird im ersten Kapitel in Form einer Selbstreflexion so beschrieben:
„Draußen vor dem Kaffeehaus beobachtet Yahia (Hayim) den Stalljungen, der ihm seine Urfaliya zuführt. Dabei fällt ihm ein, dass er der Erste in seiner Familie ist, der ein Pferd reitet. Sein Großvater, Musiker beim einstigen Regenten Reschid Pascha, hatte -nach islamischen Gesetz- sein Leben lang Esel geritten. Denn der Kopf eines Nicht-Muslims durfte sich niemals über den eines Muslims erheben, und nur Muslime waren es wert, von noblen Pferden getragen zu werden. Sein Vater, der in der Zeit nach der berüchtigten Damaskus-Affäre heranwuchs, ritt ebenfalls auf Eseln, obwohl das Gesetz ihm inzwischen ein Pferd gestattete. Er war sicher nicht der Einzige, der lieber weiterhin seine Minderwertigkeit zur Schau stellte. Die massive Opposition gegen die neuerlich garantierten Gleichheitsrechte hält die meisten Juden in Damaskus davon ab, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen – aus Angst, muslimischer Feindseligkeiten auf sich zu ziehen. Aus demselben Grund verkneift sich Yahia (Hayim), andere Reiter zu überholen, auch steigt er jedes Mal vom Pferd, bevor er mit jemandem spricht, um nur ja niemanden zu überragen.“

Allein diese Textstelle erklärt, warum Hayim ständig vorsichtig sein muss, wenn er mit seinem „Freund“ Khalil Bey in Kontakt kommt. Alle nichtmuslimischen Menschen, die zum orientalischen Kulturkreis gehören, kennen diese ungerechte hierarchische Anordnung in ihrem Unterbewusstsein. Es ist wie ein genetischer Code, der durch traumatische Erfahrungen verursacht worden ist und von Generation zu Generation übertragen wird.

Fazit:
Meiner Meinung nach basiert die Geschichte der jüdischen Familie auf traumatischen Erfahrungen des gesamten Kollektivs der nicht muslimischen Menschen in islamisch geprägten Ländern. Und um diese traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten, brauchen wir nach wie vor Bücher wie dieses. Der Roman ist mit seinem Erzählstil, seiner Sprache, seiner Textstruktur und vor allem mit seinem Inhalt wie ein literarisches Kunstwerk.

Danke dafür, liebe Mona!

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