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Mehr als nur Radio: Warum Deutschland seine mehrsprachigen Stimmen braucht

von PD. Dr. habil. Hıdır Çelik

Als ich Ende 1978 nach Deutschland kam, wurde mir schnell bewusst, welche Bedeutung das türkischsprachige „Köln Radyosu“ für die erste Generation von Migrantinnen und Migranten aus der Türkei hatte. Die Sendung war weit mehr als ein Nachrichtenprogramm – sie war Orientierungshilfe, Informationsquelle und ein Stück Heimat zugleich. Ähnliche Angebote des Westdeutschen Rundfunks (WDR) gab es auch in den Sprachen anderer Gastarbeitergruppen.

Jeden Abend warteten zahlreiche Familien gespannt auf die Sendungen. Das Radio schlug eine Brücke zwischen dem Herkunftsland und dem neuen Leben in Deutschland. Es half Menschen, sich in einer fremden Gesellschaft zurechtzufinden, ohne den Kontakt zu ihrer Sprache und Kultur zu verlieren.

Die Zielgruppe von „Köln Radyosu“ waren zunächst die türkischen Arbeitsmigranten, die seit dem Anwerbeabkommen von 1961 nach Deutschland gekommen waren. Über Jahrzehnte begann die Sendung mit den Worten: „Burası Westdeutscher Rundfunk Köln Radyosu!“ Für viele wurde dieser Satz zu einem festen Bestandteil ihres Alltags.

Auch mein Vater, der 1965 als Gastarbeiter nach Deutschland kam, gehörte zu den regelmäßigen Zuhörern. Für ihn und viele andere war das Programm eine wichtige Verbindung zur Welt – und zugleich ein Wegweiser im neuen Lebensumfeld.

Am 2. November 1964 ging „Köln Radyosu“ erstmals auf Sendung. Es war die erste türkischsprachige Radiosendung einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Deutschland. Doch im Laufe der Jahre wurden die Sendezeiten schrittweise gekürzt. Seit Januar 2022 wird das Angebot unter dem Namen „COSMO Türkçe“ als Podcast fortgeführt.

Mit jeder Reform und jeder Sparrunde gerieten die mehrsprachigen Angebote stärker unter Druck. Dabei waren es gerade jene Menschen, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit aufgebaut haben, für die diese Programme geschaffen wurden. Ihre Stimmen und Erfahrungen drohen zunehmend aus dem öffentlichen Raum zu verschwinden.

Nun steht erneut eine Umstrukturierung beim WDR zur Debatte. Viele befürchten, dass „COSMO Türkçe“ vollständig eingestellt werden könnte. Sollte dies geschehen, würde nicht nur ein Medienangebot verschwinden. Verloren ginge ein Stück Migrationsgeschichte, ein Ort der Begegnung und eine Stimme, die Generationen miteinander verbindet.

In einem Einwanderungsland wie Deutschland sind muttersprachliche Medien kein Luxus, sondern ein wichtiger Bestandteil demokratischer Teilhabe. Sie informieren, fördern politische Bildung und vermitteln die Werte unserer freiheitlichen Gesellschaft. Gerade ältere Menschen und neu Zugewanderte erreichen sie oft besser als deutschsprachige Angebote.

Nach Protesten von Künstlerinnen und Künstlern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Journalistinnen und Journalisten sowie kommunalen Verantwortlichen erklärte der WDR, nicht die Schließung von COSMO, sondern dessen Weiterentwicklung anzustreben. Dennoch bleibt offen, welche Folgen die geplanten Veränderungen für die mehrsprachigen Programme haben werden.

Mehrsprachige Medien schaffen Verständigung. Sie fördern den Dialog zwischen den Generationen, stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und tragen dazu bei, dass sich Menschen als Teil dieser Gesellschaft fühlen. Wer Integration ernst meint, darf auf diese Brücken nicht verzichten.

Deutschland ist vielfältig. Diese Vielfalt muss sich auch in den öffentlich-rechtlichen Medien widerspiegeln. Demokratie lebt davon, dass Menschen erreicht werden – unabhängig davon, welche Sprache sie sprechen.

Die Debatte um „COSMO Türkçe“ ist deshalb weit mehr als eine Diskussion über eine Radiosendung. Sie ist ein Gradmesser dafür, welchen Stellenwert sprachliche und kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft hat.

Wer die Stimmen der Einwanderungsgesellschaft zum Schweigen bringt, schwächt nicht nur die Vielfalt der Medienlandschaft, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb darf „COSMO Türkçe“ nicht verschwinden.

 

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